Monday, October 16, 2006

 

Alles nicht so schlimm

Alltag ist eine feine Sache. Egal wohin ich gehe, früher oder später holt er mich ein und dann ist alles irgendwie ein bißchen wie zu Hause. Leider ist zu Hause dann nicht mehr wie zu Hause, aber das merkt man auch erst danach. Was ich sagen wollte, Accra kann genauso alltäglich sein wie Bad Tölz oder Garching. Man sollte allerdings darauf achten, sich seinen Alltag sorgfältig zusammenzustellen. Mein Anfangsalltag in Accra war ziemlich zäh.

Kurz vor sechs klingelt der Wecker. Um die Uhrzeit ist die Dusche noch ziemlich kalt, die Sonne braucht ein paar Stunden, um den großen schwarzen Plastiktank auf dem Dach aufzuheizen. Mir ist kalt. Die Schaben haben das gleiche Problem. Frühmorgens lassen sie sich ohne große Gegenwehr erschlagen.

Zum Frühstück gibt es Porridge, jeden morgen eine andere Sorte. Süß-klebriger Reisporridge, grober dunkler Haferporridge, vergoren-süßer Maisporridge und, wenn ich selbst kochen muss, Instantporridge. Dann raus auf die Hauptstraße, umständlich eine Sammeltaxe angehalten und zur wichtigsten Vorort-Kreuzung. Von hier sind es noch 20 Kilometer zur Arbeit, macht an guten Tagen eine Stunde im Trotro-Bus, an schlechten zwei.

Die beiden zentralen Zufahrtsstraßen sind seit halb sieben Uhr morgens zu, ich bin ja nicht der einzige, der zur Arbeit will. Wir nehmen die Bush Road. Der Name sagt alles. An Regentagen geht es durch Schlaglochteiche und Schlammrinnen. Ab und an bleibt ein Minibus im Schlamm stecken. Im Vorbeifahren sehen sie aus wie modernes Großwild. Ansonst wird in Trotros meist geschlafen. Morgens genießen die Leute die letzten ruhigen Minuten, abends sind sie geschafft vom großen Mahlstein Accra.

Kurz vor dem Ziel bleiben wir im Circle stecken. Die Idee vor dem Industriegbiet einen Kreisverkehr zu bauen, war gut gemeint, stammt aber aus einer Zeit als die meisten Trotros in Accra noch aus Holz waren. Das gemeine an diesem letzten Stau ist das moralische Dilemma. Zu Fuß brauche ich von hier etwa 20 Minuten durch Hektik, Schmutz und tausende von Menschen. Bleibe ich sitzen, bin ich in 30 Minuten im Büro. Meistens bleibe ich sitzen.

Dann arbeiten und abends zurück, so ziemlich das gleiche Spiel. Insgesamt verbringe ich vier Stunden im Trotro, ohne Klimaanlage, mit viel Staub und Abgasen. Abends esse ich noch einen Teller ghanaische Vollkost und falle ins Bett wie der Wolf in den Brunnen.

So sah das einen Monat lang aus. Mir hat’s gereicht. Ich bin einfach ein Weichei. Ich finde ja schon den Alltag der Leute hart, die einen Grund haben jeden Tag in diesen Moloch zu pilgern. Wie es ist, ohne Job und Geld in Accra zu leben, will ich gar nicht ausprobieren.

„In den Vororten wohnt die Depression“, skypt mir eine Freundin. Sie hat Recht. An einem Samstagmorgen verabschiede ich mich von meiner unglaublich netten Vorort-Gastfamilie. Alle sind gerührt und sorgen sich um mich. Man hat mir erzählt, in Accra wäre das Risiko überfallen zu werden höher als hier in Sakumono. Aber morgen ist Sonntag und ich will nicht in die Kirche, ich will ausschlafen.

Seitdem ist mein Alltag süß, wie man hier sagt. Kurz nach sieben klingelt mein Wecker, eine halbe Stunde später stehe ich auf. Das Wasser ist dann schon ein, zwei Grad wärmer. Und eigentlich habe ich ja nichts gegen Schaben. Mit dem Trotro brauche ich eine viertel Stunde bis zum Stau am Circle. Sobald wir stehen, steige ich aus dem Bus und spaziere zehn Minuten zu einem wackeligen Holzstand an der Straße. Da ich jetzt nicht mehr zum Büro hetze, fiel mir im Vorbeigehen die schwarze Espressomaschine auf. Die Herren hinter der Theke stammen aus Burkina Faso und servieren echten Kaffee, nicht dieses Instantzeug, dass man sonst überall bekommt. Wir schwatzen etwas und dann schlendere ich weiter zur Redaktion.

Abends gehe ich zur Tawala Bar, einem Holzschuppen am Strand, fünf Minuten hinter unserem Haus. Ich bestelle gebratenen Reis und Huhn. Die Entscheidung wird mir leicht gemacht, Guerrisons Frau macht den besten gebratenen Reis der Stadt. Wen ich Abwechslung will, bestelle ich Huhn mit Reis. Die Sonnenuntergänge sind sehr romantisch und tauchen die Armut rundherum in bunte Farben. Ich persönlich finde aber die Mondnächte am besten. Dann haben selbst die Müllberge am Strand etwas mystisches. Und den Rest sieht man nicht mehr. So ist mein Alltag in Accra, eben fast wie zu Hause. Alles eine Frage des Blickwinkels.

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